VG-Wort Pixel

Großrazzia der Polizei Vorbereitung auf "Tag X": Was die Reichsbürger antreibt – und wieso viele mehr als "harmlose Spinner" sind

Ein älterer weißer Mann im Jackett und mit zurückgekämmten weißen Haaren wird von vermummten Polizisten abgeführt
Bei der Großrazzia gegen Reichsbürger führen Polizisten nach einer Hausdurchsuchung Heinrich XIII. Prinz Reuß (M) ab
© Boris Roessler / DPA
Geheime Allianzen und finstere Verschwörungen: Für Außenstehende wirkt das Weltbild der Reichsbürger oft wie blühender Unsinn. Doch die Angehörigen der Szene meinen es ernst. Und einige sind brandgefährlich.

Ein grauhaariger Mann im Tweed-Jacket, eine Juristin, mehrere frühere Offiziere der Bundeswehr: Die aktuellen Ermittlungen und Festnahmen im sogenannten Reichsbürger-Milieu zeigen, dass Verschwörungserzählungen und staatsfeindliche Ideologien kein Randgruppen-Phänomen sind. Einige der Männer und Frauen, die auf Geheiß der Bundesanwaltschaft jetzt festgenommen worden sind, besaßen legal Waffen, zum Beispiel weil sie Sportschützen waren. Es sind Menschen mit Beruf und Besitz, das, was man im Polit-Jargon gerne die "Mitte der Gesellschaft" nennt.

Die Verschwörer waren gut organisiert, trafen sich in kleinen Gruppen, kommunizierten über einen Messenger-Dienst und hatten sich schon genau überlegt, wer von ihnen nach dem von ihnen angestrebten Umsturz welche Aufgabe übernehmen sollte. Was für die Ermittler erschreckend war: Die Mitglieder der Gruppe, die wuchs wie bei einem Schneeball-System, sprachen in den vergangenen Monaten etliche Menschen an, die sie für ihre Pläne gewinnen wollten.

Jeder zehnte Reichsbürger gilt als gewaltbereit

Viele der Angesprochenen winkten ab, aber keiner von ihnen meldete sich bei den Behörden, um vor der Gruppe zu warnen. Dass die Sicherheitsbehörden auf die Verschwörer aufmerksam wurden, hängt vielmehr mit früheren Ermittlungen zu Angehörigen einer anderen Gruppe zusammen, zu denen es Verbindungen gab.

"Reichsbürger und Selbstverwalter" sprechen nicht nur den staatlichen Institutionen die Legitimität ab, sondern verbreiten oft auch krude Ideen. Diese Ideen wirken auf Außenstehende meist so verrückt, dass sie diese Menschen als harmlose Spinner wahrnehmen. Die Sicherheitsbehörden tun das nicht. Im vergangenen Jahr schätzte der Verfassungsschutz das Personenpotenzial der Szene in Deutschland auf 21.000 Menschen. In diesem Jahr ist diese Zahl noch einmal gestiegen. Etwa jeder Zehnte gilt als gewaltbereit.

Diese Entwicklung deckt sich mit einem Befund aus der Wissenschaft. Die Autoren der Leipziger Autoritarismus-Studie, stellen in ihrer aktuellen Veröffentlichung fest, rechtsextreme Einstellungen träten zwar in den Hintergrund, andere "antidemokratische Motive" gewännen gleichzeitig aber an Bedeutung. Die Corona-Pandemie und das Protestmilieu, das während der Phase der staatlich verordneten Maßnahmen zu ihrer Eindämmung entstanden sei, wirkte hier wie ein Brandbeschleuniger. In der Studie heißt es, wie "Ausländerfeindlichkeit, Antifeminismus und Antisemitismus" seien auch die mit der Pandemie verbundenen "Verschwörungserzählungen eine Brückenideologie, welche verschiedene antidemokratische Milieus miteinander verbindet".

Staatsfeinde bereiten sich auf den "Tag X" vor

Für die Sicherheitsbehörden, die in jedem einzelnen Fall entscheiden müssen, ob es sich nur um Sofa-Revolutionäre und Maulhelden handelt, oder ob es konkrete Terrorpläne gibt, geht es immer auch um die Frage, wie die Extremisten auf den sogenannten Tag X blicken.

Mit "Tag X" wird ein erwarteter Zusammenbruch der staatlichen Ordnung bezeichnet. Wer so ein Szenario befürchtet, und deshalb beispielsweise große Lebensmittel- und Benzinvorräte anlegt, mag harmlos sein. Wer sich Waffen beschafft und Vorbereitungen trifft, um einen Umsturz selbst herbeizuführen, ist es nicht.

Die Festnahmen und Durchsuchungen hätten gezeigt, "welche enorme Gefahr von Rechtsextremen und Reichsbürgern ausgehen kann", sagt der Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour. Gerade die selbsterklärten Reichsbürger seien in den vergangenen Jahren häufig als harmlose Spinner abgetan worden, "was ein großer Fehler war". Die Razzia zeige, "dass unsere Demokratie und der Rechtsstaat wehrhaft sind".

les / Anne-Beatrice Clasmann DPA

Mehr zum Thema

Newsticker