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Beitrag zum Klimaschutz Norwegen will mit "Langschiff" CO2 im Meeresgrund speichern – Greenpeace spricht von "Mogelpackung"

Eine Illustration zeigt CCS vereinfacht
CO2 einfach einfangen – wie hier vereinfacht dargestellt. Mit dieser Methode will Norwegen das klimaschädliche Gas aus der Atmosphäre halten.
© TarikVision / Imago Images
CO2 ist einer der größten Verursacher des Klimawandels. Damit es gar nicht erst in die Atmosphäre gelangt, will Norwegen das Gas in den Tiefen des Meeres speichern. Doch es gibt Kritik an der Methode.

Die CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre ist so hoch wie seit mindestens einer Million Jahren nicht mehr. Zu diesem Ergebnis kam jüngst die US-Behörde für Klima und Ozeanografie (NOAA) und bezog sich auf Daten für das Jahr 2021. Auch die Erderwärmung hält an, wie es in dem Bericht der Behörde hieß. Die Meerestemperatur und der Meeresspiegel befänden sich ebenfalls auf Rekordhöhen.

Viele Staaten wollen daher ihren CO2-Austoß reduzieren – mit erneuerbaren Energien, Elektroautos oder strengeren Vorgaben an die Industrie. Eine andere Möglichkeit, CO2 aus der Atmosphäre zu halten, sieht Norwegen in einer bestimmten Methode: Carbon Capture and Storage (CCS) – auf Deutsch: CO2-Abscheidung und -Speicherung. 

Doch was genau ist das? Was machen die Norweger da? 

Beim sogenannten CO2-Management geht es um das Abscheiden, den Transport und das Speichern von CO2 aus industriellen Prozessen, der Stromerzeugung oder der Produktion von Wasserstoff. Damit will man die Emissionen des klimaschädlichen Gases in der Atmosphäre verringern. 

Das "Langschiff" gab es schon bei den Wikingern

Dazu gibt es mehrere Techniken. Einige davon werden im Technologiezentrum für CO2-Abscheidung im norwegischen Mongstad getestet. Welche Option die Beste ist, hängt von der zu transportierenden Menge des CO2 und der Entfernung zwischen Quelle und Speicher ab. 

Norwegen will das CO2 im Meeresboden speichern. Dort gebe es große Reservoirs in der Tiefe, die für geeignete Druck- und Temperaturverhältnisse sorgen und verhindern sollen, dass das CO2 entweicht. Das norwegische Öldirektorat hat zu diesem Zweck einen Atlas erstellt, der die Speichermöglichkeiten auf dem norwegischen Festlandsockel zeigt. Laut diesem Atlas befindet sich auf dem Sockel eine Speicherkapazität für mehr als 80 Milliarden Tonnen CO2.

Laut dem deutschen Umweltbundesamt gehen Wissenschaftler:innen davon aus, dass durch CO2-Abscheidung "bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe (…) 65 bis 80 Prozent des CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre ferngehalten werden können". Ob CCS dieses Versprechen halten könne, sei jedoch noch nicht geklärt und Thema verschiedener Forschungs- und Pilotprojekte. 

Eines dieser Pilotprojekte in Norwegen ist "Langskip" – auf Deutsch "Langschiff". Der Name wurde in Anlehnung an die Wikinger gewählt, die mit den Langschiffen große Händler wurden. "Genau wie diejenigen, die die Langschiffe gebaut haben, hat auch die Regierung das Ziel, die Technologie in die Welt zu tragen."

Norwegen sieht sich im Vorhaben bestätigt

Das Hauptziel der Norweger: Mit dem "Langskip" den ersten Schritt zu tun und CCS zu verwirklichen – und somit zur Reduzierung der CO2-Emissionen in Europa beizutragen.

"Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, müssen wir unter anderem in großem Umfang CO2 abscheiden und speichern", erklärt Andreas Bjelland Eriksen, Staatssekretär im Büro des Ministerpräsidenten, dem stern. In mehreren industriellen Prozessen, wie etwa der Zementherstellung, sei CCS notwendig, um die Emissionen deutlich zu reduzieren.

Dieses Foto vom April 2022 zeigt die Baustelle für ein Terminal in Oygarden bei Bergen, Norwegen
Dieses Foto vom April 2022 zeigt die Baustelle für ein Terminal in Oygarden bei Bergen, Norwegen, das verflüssigtes CO2 sammeln soll, das per Schiff aus Industrieanlagen in Europa ankommen und durch eine Pipeline in tiefe geologische Formationen unter dem Meeresboden transportieren soll
© Alexiane LEROUGE / AFP

Die norwegische Regierung sieht sich in ihrem CCS-Vorhaben bestätigt. Der fünfte Hauptbericht des UN-Klimagremiums habe den Angaben zufolge darauf hingewiesen, dass die globalen Kosten, um diesen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur unter zwei Grad zu halten, ohne CCS mehr als doppelt so hoch sein könnten. 

Bei "Langskip" wird derzeit bereits CO2 in einer Zementfabrik und der Müllverbrennungsanlage von Oslo abgeschieden, verflüssigt und per Schiff gesammelt. Anschließend wird es zu einem Zwischenlager transportiert und dann durch Rohre auf das Schelf gepumpt, wo es 2600 Meter unter dem Meeresboden gelagert wird. Das Lager hat zunächst eine Kapazität von 1,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr; die Leitung von der Landanlage zum Reservoir ist für fünf Millionen Tonnen ausgelegt. 

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"Entwickeln, nicht abwickeln"

Von Vorteil ist dabei, dass Norwegen ein öl- und gasförderndes Land ist: CCS hat viele Ähnlichkeiten mit Förderung dieser fossilen Brennstoffe. In der norwegischen Politik herrscht der weitgehende Konsens, dass man neue Technologien auf den Schultern der alten bauen will. "Entwickeln, nicht abwickeln" ist das Motto.

"Wir sind in der Pole-Position, um zur Entwicklung von CCS beizutragen, aufbauend auf jahrzehntelanger Öl- und Gasförderung. Man könnte sagen, dass dies eine der Möglichkeiten ist, wie wir unser Wissen aus der Offshore-Industrie nutzen, um neue Klimalösungen für die Zukunft zu entwickeln", so Eriksen. 

Die Gesamtkosten für das Projekt werden auf 25,1 Milliarden norwegische Kronen geschätzt – umgerechnet rund 2,48 Milliarden Euro. Der Anteil des Staates wird auf 16,8 Milliarden Kronen geschätzt. Den Rest zahlen private Partner. 

Aber ist es überhaupt sinnvoll, so viel Geld in eine Technologie zu investieren, die noch in den Kinderschuhen steckt? Eriksen hält entgegen: "CCS ist eine bewährte Technologie, und wir haben mehr als 25 Jahre Erfahrung mit der sicheren Lagerung auf dem norwegischen Festlandsockel." Die Technik sei "reif".  

"Jemand musste diesen ersten Schritt machen und das Risiko eingehen, dass andere ihm folgen würden. Kein Unternehmen wäre in der Lage, diese Investitionsentscheidung allein zu treffen, deshalb haben wir uns entschieden, mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen."

Deutschland und Norwegen wollen zusammenarbeiten

Man sehe bereits, dass kommerzielle Projekte aus dem "Langskip"-Projekt ausgegliedert werden; europäische Unternehmen beteiligen sich aktiv an der Entwicklung der Technologie. 

Dazu gehören das norwegische Erdöl- und Erdgasunternehmen Equinor und der Öl- und Gasproduzent Wintershall Dea aus Deutschland. Beide wollen gemeinsam eine "umfassende und sichere Wertschöpfungskette" für CCS vorantreiben, wie sie Ende August diesen Jahres verkündeten. 

Mit dem Schulterschluss will man CO2 aus Europa in die norwegischen Lagerstätten leiten. Besonders Deutschland und Norwegen sollen dadurch miteinander verbunden werden. 

Geplant ist dafür eine rund 900 Kilometer lange Pipeline in Norddeutschland mit Verbindung zu Speicherstätten in Norwegen. Diese soll noch vor 2032 in Betrieb gehen und eine erwartete Transportkapazität von jährlich 20 bis 40 Millionen Tonnen CO2 haben, was etwa zwanzig Prozent der gesamten deutschen Industrieemissionen pro Jahr entspreche. 

Darüber hinaus wollen die beiden Firmen sich gemeinsam um Lizenzen für die Offshore-Speicherung von CO2 bewerben. 15 bis 20 Millionen Tonnen pro Jahr planen sie auf dem norwegischen Festlandsockel zu speichern. 

Greenpeace: CCS nur eine "Mogelpackung"

Doch nicht alle halten so viel von dem Projekt wie Equinor, Wintershall Dea oder der norwegische Staat. Kritiker:innen von CCS – darunter auch Umweltverbände wie Greenpeace – betonen die möglichen Sicherheitsrisiken der CO2-Speicherung. 

Das Umweltbundesamt betont, dass bei Normalbetrieb "in aller Regel" keine negativen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu erwarten seien. Es bestünden aber Risiken durch Unfälle oder eine Freisetzung von CO2 aus dem Speicher. 

Zudem bestünden Risiken für das Grundwasser durch Leckagen. Das freigesetzte CO2 könne Schadstoffe im Untergrund freisetzen. Salzige Grundwässer könnten außerdem bis in süße Grundwässer und an die Erdoberfläche gelangen, wo sie zu Schäden im Grundwasser, in Böden und Oberflächengewässern führen können.

Die oberirdischen CCS-Anlagen könnten sich auch negativ auf ⁠Flora⁠, ⁠Fauna⁠, Landschaft und die ⁠Biodiversität⁠ auswirken, so das Bundesamt, weshalb eine effektive Überwachung zwingend notwendig sei. 

Greenpeace Deutschland nennt CCS eine "Mogelpackung", die ein "für zukünftige Generationen ökologische und wirtschaftliche Altlasten" bedeute. Auch Greenpeace betont das Risiko von Leckagen: "CO2 ist zwar nicht giftig, führt aber in hohen Dosen zum Erstickungstod. Und weil es schwerer als Luft ist, kann es sich bei Leckagen in Bodensenken sammeln."

Die CO2-Endlagerung sei ein "gefährlicher Irrweg, der keinerlei Beitrag zum Klimaschutz leisten kann". Greenpeace sehe in CCS eine "unkalkulierbare Risikotechnik", die Technik sei keine Lösung für das Klimaproblem. Es diene nur als "Feigenblatt für den weiteren Abbau von Braunkohle und den Bau neuer Kohlekraftwerke". Der Klimawandel könne nur gebremst werden, wenn weniger fossile Energieträger verbrannt würden.

Regierung und Equinor halten CCS für sicher

Wäre es also nicht besser für das Klima, aus der schmutzigen Öl- und Gasförderung auszusteigen als das CO2 zu speichern? Staatssekretär Eriksen argumentiert dagegen. "Norwegen ist der größte Öl- und Gasproduzent in Europa und liefert etwa ein Viertel des Gasverbrauchs der EU-Länder." Wenn die Produktion von heute auf morgen eingestellt würde, hätte dies gravierende Folgen für die europäische Energiesicherheit. "Ich denke, eine bessere Strategie besteht darin, dass wir zusammenarbeiten, um eine saubere Energiewende mit zuverlässigem Zugang zu Energie zu gewährleisten und bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen." 

Equinor sieht keine Probleme mit der CCS-Technologie und schreibt etwa auf seiner Internetseite: "Bereits über 20 Millionen Tonnen CO2 wurden von Equinor bisher auf diese Weise sicher gespeichert. Dabei wurden keine Lecks festgestellt. (…) Es konnten keine Sicherheitsrisiken oder Folgen für Gesundheit und Umwelt festgestellt werden." 

Die norwegische Regierung schreibt, dass zwei weitere CO2-Handhabungsprojekte "über mehrere Jahrzehnte die sichere Speicherung von CO2 in geologischen Formationen unter dem Meeresboden" demonstriert hätten. 

Es gäbe "viele Missverständnisse über die Sicherheit von CCS", sagt Eriksen. "Unsere Erfahrung hat unter realen Bedingungen gezeigt, dass die Lagerung sicher und geschützt ist. Natürlich verfügen wir über zahlreiche Methoden, um die Bohrlöcher und Lagerstätten zu überwachen, und es gibt strenge Notfallpläne – genau wie in jedem anderen Bereich der Offshore-Industrie." 

Eriksen findet, es sei "sehr unglücklich", CCS gegen den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu stellen. "Wir müssen beides tun: den Umstieg auf Erneuerbare vorantreiben und gleichzeitig CCS in schwer zu bremsenden Branchen einführen. Wenn wir in dieser Entweder-Oder-Debatte stecken bleiben, läuft die Zeit davon und wir könnten unsere Klimaziele verfehlen."

Quellen: Regierung Norwegens, Öldirektorat Norwegen, CCS Norway, Umweltbundesamt, Greenpeace, Equinor, Wintershall Dea

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