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Metaverse Online-Party für 387.000 Euro floppt furchtbar: Virtuelles Konzert der EU lockt nur sechs Besucher

Global Gateway EU Party
Die Party läuft aktuell noch, Stimmung will nicht so recht aufkommen.
© Global Gateway / Screenshot: stern
Politikverdrossenheit bekämpft man am besten, in dem man die Themen da hin bringt, wo sich die jungen Leute tummeln! Oder?

Stellen Sie sich vor, Sie veranstalten eine Party und laden die gesamte Jugend Europas dazu ein – und nur sechs Personen verirren sich auf ihr Konzert. Eine solche Veranstaltung als Flop zu bezeichnen, wäre noch nett. Doch genau das soll der Europäischen Kommission passiert sein.

Am 29. November 2022 lud die EU zur gemeinsamen Strandparty. Geladen war jeder, der einen Rechner besitzt – denn die "Global Gateway Gala" fand im virtuellen Raum statt, auch als Metaverse bekannt. Das Problem: Vermutlich wusste niemand davon, denn einer der Gäste berichtete, dass sich zum vereinbarten Zeitpunkt nur eine Handvoll anderer Menschen einloggte. Konkret ist die Rede von nur fünf anderen Personen.

Vince Chadwick fasste seine niederschmetternde Erfahrung auf Twitter wie folgt zusammen: "Ich bin hier auf dem "Gala"-Konzert im 387.000 Euro teuren Metaversum der EU-Außenhilfeabteilung (das nicht politisch engagierte 18- bis 35-Jährige anlocken soll - siehe Geschichte unten). Nach anfänglichen verwirrten Gesprächen mit den etwa fünf anderen Menschen, die gekommen sind, bin ich allein."

Generation Tiktok soll sich für Politik begeistern

Besagtes Konzert sollte ursprünglich der Gipfel einer EU-Kampagne sein, bei dem die zahllosen, nun von der Politik überzeugten Jugendlichen, noch einmal so richtig abfeiern sollten. Diesen Lockruf für die Generation Tiktok und Instagram ließ sich die EU offenbar einiges kosten. Chadwick schreibt in einem ausführlichen Bericht auf "Devex", dass das die Plattform für das "Global-Gateway"-Programm insgesamt 387.000 Euro verschlungen habe.

Auf Nachfrage des stern konnte man die Kosten für das Projekt nicht spontan bestätigen, wollte sich diesbezüglich zu einem späteren Zeitpunkt äußern. Eine Sprecherin erklärte jedoch, warum die EU sich für diese Form der multimedialen Ansprache entschieden hat: "Wir sind der Ansicht, dass das Metaverse ein innovativer Ansatz ist, um junge Menschen zu erreichen. Aber natürlich hätte die Benutzeroberfläche noch benutzerfreundlicher und ansprechender gestaltet werden können. Die Plattform funktioniert besser als unsere statischen, traditionellen Websites."

"Devex" berichtet, dass das Metaverse-Projekt intern für viel Ärger gesorgt habe. Quellen aus der zuständigen Abteilung hätten die virtuelle Welt als "peinlich" oder "digitalen Müll" bezeichnet, anderen sei nur ein verzweifeltes "Jesuuuuus" entfahren.

Da es sich bei dem Konzert offenbar nicht um eine "Abrissparty" gehandelt hat, lässt sich die "Global Gateway"-Plattform noch immer besuchen – die Party geht rund um die Uhr weiter. Zu Beginn muss man eine Kunstfigur erstellen, die etwa einer Mischung aus Büroklammer und diesen langen Luftballons, aus denen man Hunde und sowas bastelt, entspricht. Ist das getan, darf man – genug Platz vorausgesetzt – dem virtuellen Chatraum beitreten. Das geht ohne Installation von Software, ganz einfach im Browser.

"Für ein abschließendes Urteil ist es zu früh"

Neben der Strandsause kann man sich Videos der EU-Kommission ansehen, die Kunstinstallationen betrachten und über Wasser laufen. Vergleichbare virtuelle Welten gab es schon vor rund 20 Jahren, fraglich ist allerdings, ob deren Umsetzung ebenso kostspielig war. 

"Devex" fragte bei den Verantwortlichen nach, wie intern das Fazit ausfalle. Die Antwort sei kurz ausgefallen und man habe erklärt: "Da das Programm noch läuft, ist es zu früh, darüber zu urteilen." Dem stern teilte die Kommission indes mit: "Die ersten Ergebnisse der Kampagne sind mit einer Reichweite von knapp 86 Millionen Nutzern in den sozialen Medien ermutigend." Gemeint ist damit allerdings die Reichweite über alle Kanäle der Kampagne, die seit Oktober läuft. Welchen Anteil der virtuelle Spielplatz, den die Macher "Global Gateway Hub" nennen, daran hatte, ist nicht bekannt.

Der 3D-Chat ist Teil einer größeren Initiative, die laut EU dabei helfen soll, "die dringendsten globalen Herausforderungen – von Klimawandel über bessere Gesundheitssysteme bis hin zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der globalen Lieferketten – zu bewältigen." Im Rahmen dessen wolle "Team Europa, d. h. die EU-Organe und die EU-Mitgliedstaaten" in den kommenden fünf Jahren "bis zu 300 Mrd. EUR an Investitionen" in den Bereichen "Digitales, Klima und Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Forschung" mobilisieren. Das "Handelsblatt" nannte das "Global Gateway" jüngst "Europas Milliardenbluff".

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