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Katar 2022 Infantino schwärmt von bester WM-Vorrunde aller Zeiten. Aber stimmt das? So sieht die wahre Zwischenbilanz aus

Berauscht von sich selbst: Gianni Infantino vor dem Spiel zwischen Argentinien und Australien
Berauscht von sich selbst: Gianni Infantino vor dem Spiel zwischen Argentinien und Australien
© Francois Nel / Getty Images
Fifa-Präsident Gianni Infantino will die "beste Gruppenphase einer WM" gesehen haben, die es jemals gab. Doch stimmt das? Wie fällt die sportliche Bilanz aus und wie darf man die Stimmung bewerten? Ein Zwischenfazit.

Fifa-Präsident Gianni Infantino ist ein Meister darin, sich selbst, den Weltverband und den Fußball über alle Maßen zu loben und zu preisen. Es gibt keinen Superlativ, den er schweizerisch-italienische Welt-Funktionär nicht bemüht, wenn es um die WM in Katar geht: "Ich habe alle Spiele gesehen, und um es ganz einfach und deutlich zu sagen, dies war die beste Gruppenphase einer WM, die es je gab", prahlte er in einem Video, das der Verband am Mittwoch veröffentlichte. Infantino wirkt bei seinen Auftritten immer wie ein Märchenonkel, der einer qespannten Kinderschar die Schönheit seiner weltumspannenden und bunten Fußball-Welt erklärt. "Die Spiele in den wunderschönen Stadien waren sehr, sehr hochklassig, das war bereits klar. Und auch das Publikum bei den Spielen war unglaublich", erzählte er schwelgerisch.

Es stellt sich die Frage, ob Infantino tatsächlich ein Märchenonkel ist, der sein Publikum für dumm verkauft, oder ob seine Sicht auf das umstrittene Turnier der Wahrheit nahe kommt. Eine Antwort in fünf Teilen.

Sportlich

Sportlich ist die Bilanz durchwachsen, und sicherlich längst nicht so großartig, wie es Infantino behauptet. Ein Beispiel: Ein markante Entwicklung bei diesem Turnier stellt die Torschussquote dar. Sie ist deutlich nach unten gegangen. In Südafrika lag sie bei 14,1 Torschüssen pro Spiel, in Katar beträgt der Wert 10,9. Das entspricht einer allgemeinen Wahrnehmung: In so manchem Spiel dominierte das Ballgeschiebe zwischen den Strafräumen. Tempo, Spannung und schnelle Kombinationen waren Fehlanzeige. Das bestätigt die Fifa in ihrer Analyse:  "Die erste Halbzeit war oft etwas taktisch blockiert", sagte Arsène Wenger von der technischen Studiengruppe "Die zweite Halbzeit war oft ein bisschen wilder." Selbstverständlich gab es einige attraktive und spannende Spiele mit viel Spektakel wie das 7:1 der Spanier gegen Costa Rica oder im Achtelfinale das 3:1 Frankreichs gegen Polen oder das 4:1 Brasiliens qegen Südkorea, aber genauso oft herrschte Sicherheitsfußball und Leerlauf vor.

Von der angeblichen Entwicklung, dass kleinere Fußballnationen den Etablierten auf die Pelle rücken, ist mit Blick auf das Viertelfinale (also der besten acht Teams) nicht viel übrig. Mit Marokko ist lediglich ein Außenseiter in die Spitzengruppe vorgestoßen. Ansonsten finden sich dort nur die üblichen Verdächtigen aus Europa und Südamerika (Frankreich, England, Kroatien, Niederlande, Argentinien und Brasilien). Für die viel gelobten Japan und Senegal war im Achtelfinale Schluss. Das frühe Aus der Fußball-Großmächte Deutschland und Spanien ist statistisch betrachtet ein normaler Wert, Favoritenstürze gehören zu jedem anständigem Fußball-Turnier dazu.

Stimmung

Die Stimmung bei einer WM-empfindet jeder Fan anders. Doch Tatsache ist: Die Stadien waren längst nicht alle ausverkauft. Laut Fifa soll die Auslastung bei knapp unter 100 Prozent gelegen haben, dennoch bleibt in Erinnerung, dass es in der Vorrunde oft viele leere Plätze in den Stadien zu sehen gab. Also übertreibt Infantino auch hier. Die Stimmung war deutlich gemäßigter als bei vorherigen Weltmeisterschaften, oft herrschte eine Stille, die man hierzulande nur von Geisterspielen kennt. Das galt vor allem bei Spielen von europäischen Teams, die längst nicht so viele Fans mitbrachten wie sonst üblich. Anders sah es bei den Argentiniern, Brasilianern oder Afrikanern aus, von denen manche zwar auch von deutlich weniger Fans angefeuert wurden, das aber sehr lautstark. Die stimmungsvollste Partie war wahrscheinlich der 3:0-Triumph der Marokkaner über Spanien im Achtelfinale, den zehntausende arabische Fans frenetisch feierten.

Politisch

Zumindest in Deutschland (und wahrscheinlich fast nur hier), wurde vor und in der ersten Woche fast mehr über Politik diskutiert als über Fußball. Erst die Diskussion um die von der Fifa verbotene "One Love"-Binde, dann das iranische Schweigen bei der Hymne und die deutsche Maulkorb-Geste am 1. Spieltag. In der zweiten Runde lief beim Spiel Portugal gegen Uruguay ein Flitzer über den Platz und protestierte mit einer Regenbogenfahne auch für die Ukraine und die Frauen im Iran. Damit war offenbar alles gesagt und es wurde ruhiger. Still aber nie. Da war der durch Gesten aufgeladene Konflikt zwischen Serben und Schweizern nach der Sichtung einer serbischen Fahne in der Kabine vor dem Brasilien-Spiel, auf der die Umrisse des Kosovo in den serbischen Farben sowie die Botschaft "Niemals aufgeben" abgebildet waren. Auch der Konflikt zwischen Israel und Palästina spielte eine sichtbare Rolle. So jubelten die marokkanischen Nationalspieler nach ihrem Einzug ins Viertelfinale ausgelassen mit Palästina-Flagge auf dem Rasen. Israelische Sportjournalisten berichteten zuletzt von zahlreichen Anfeindungen während der Endrunde. Zu dem breiten und öffentlich sichtbaren Antisemitismus kam von Infantino kein Wort.

TV-Quote/Zuschauer

Die Deutschen sind die Miesepeter des Weltfußballs. Vertraut man den vorliegenden Zahlen, sind nur hierzulande die Quoten stark rückläufig, während sie überall anders gleich geblieben oder sogar stark gestiegen sind. Die Initiative #BoycottQatar2022 jubelte, dass das Zuschauerinteresse in Deutschland angeblich um 50 Prozent eingebrochen sei. Mit den Zahlen im Vergleich zur vorherigen WM 2018 muss man jedoch vorsichtig sein. Die Streaming-Abrufe und Pay-TV-Quoten sind im Allgemeinen nicht berücksichtigt. Doch feststellen lässt sich: In Deutschland hat der von vielen ausgerufene WM-Boykott offenbar Wirkung gezeigt. Das entscheidende Gruppenspiel gegen Costa Rica sahen zum Beispiel weniger Zuschauer als das EM-Finale der Frauen in diesem Sommer. Aber ansonsten waren die Quoten in Europa stabil, in vielen anderen Märkten sogar steigend, in manchen sind sie explodiert. Hier hat Infantino recht, wenn er von einem Erfolg spricht. Deutschland ist nicht der Maßstab.

Keine Fan-Ausschreitungen

Ob es am Alkoholverbot lag oder eben an der deutlich geringeren Zahl eingefleischter Fans – Fakt ist: In Katar wurden quasi keinerlei Randale bekannt. Nach den Spielen standen die Fans beider Lager an der U-Bahn-Station oft friedlich nebeneinander in der Schlange. Nicht selten handelte es sich dabei aber auch nur um Einheimische in unterschiedlichen Shirts. Dieser Punkt ist sicherlich positiv zu bewerten.

Mit DPA

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