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Restaurationsprojekt Bomber Avro Lancaster – dieser Bomber verwandelte die deutschen Städte in ein Flammenmeer

Die "Just Jane" steht kurz davor, sie wieder in die Luft erheben zu können.
Die "Just Jane" steht kurz davor, sie wieder in die Luft erheben zu können.
© Lincolnshire Aviation Heritage Centre / PR
Der Avro Lancaster brachte den Bombenkrieg nach Deutschland. Weil der älteste Bruder der Patton-Familie in so einer Maschine starb, restaurieren die Pattons seit 40 Jahren die "Just Jane". Bald soll sie wieder fliegen können.

Im März 1944 starb der 19-jährige Chris Patton über Deutschland. Sein Geschwader legte Nürnberg in Trümmern. Über der brennenden Stadt näherte sich ein deutscher Nachtjäger dem Bomber vom Typ Avro Lancaster. Der viermotorige Bomber wurde von einer Garbe zerrissen und explodierte. Patton schaffte es nicht heraus. 534 Briten fielen in einer Nacht - niemals wieder erlitt die Royal Airforce solche Verluste.

Die Familie ging ganz unterschiedlich mit dem Verlust um. Der Vater soll jahrzehntelang nicht über den Tod gesprochen haben. Für die jüngeren Brüder, Fred und Harold, war Chris ihr Held. Nach dem Krieg wollten sie einen der ausrangierten Bomber kaufen und auf dem Hof aufstellen. Das wäre damals leicht möglich gewesen, doch ihr Vater verbot es.

Erst 1971 fuhr Fred auf Wunsch seines Vaters nach Deutschland und besuchte das Grab seines Bruders in der Nähe von München. Er war überwältigt von seinen Gefühlen. Und dann erfuhr er, dass ein Lancaster zum Kauf angeboten wurde. In einem schrecklichen Zustand, aber immerhin hatte er die Jahrzehnte nach dem Krieg überlebt. Beim ersten Versuch wurden die Brüder überboten, konnten den Bomber aber etwa zehn Jahre später vom ersten Erwerber kaufen.

40 Jahre Arbeit

Den Bomber tauften sie nach einem Comic aus den Kriegsjahren auf den Namen "Just Jane" – 40 Jahre dauerten die Arbeiten, die mehr als 4 Millionen Pfund verschlangen. Inzwischen hat eine neue Generation das Projekt übernommen. Fred starb 2013 und Harold ist beinahe 90. Längst hat die Familie ein eigenes Museum eröffnet, das "Lincolnshire Aviation Heritage Centre". Der Bomber verdient zum Teil ein wenig sein eigenes Geld. Im Sommer lockt er die Besucher in das Museum, im Winterhalbjahr wird an ihm gearbeitet. Ein Ingenieur der RAF richtete die vier Merlin-Motoren in den 1990er wieder her und brachte sie zum Laufen. Heute fährt der Bomber regelmäßig aus eigener Kraft aus seinem Hangar – nur fliegen kann er nicht.

Der Avro 683 Lancaster war der schwere Bomber der Briten im Zweiten Weltkrieg. Seit März 1942 war er das Rückgrat der strategischen Luftoffensive, mit der die Briten die deutschen Städte bombardierten. Der Lancaster ist eine Schönheit – doch stand er immer im Schatten des amerikanischen Gegenstücks, der B-17. Die "Fliegende Festung" der Amerikaner war ungleich stärker bewaffnet als der britische Bomber. Die Briten rüsteten ihren Bomber mit acht MGs im "kleinen" Kaliber von 7,7 mm aus. Sie waren im Bug, im Heck und am oberen Teil des Rumpfes untergebracht. Der "Bauch" des Bombers blieb ungeschützt. Die B-17 hatte 13 MGs im schweren Kaliber .50 BMG (12,7 mm). Ein Turm mit einem Zwillings-MG sicherte die Unterseite und die beiden MGs im Bug konnten weit nach unten zielen. Außerdem war die B-17 mit Panzerplatten und anderen Neuerungen so konstruiert, dass sie auch schwere Schäden überstehen konnte.

Der Bomber der Nacht 

Das Ungleichgewicht führte zu einer folgenschweren Arbeitsteilung. Die Amerikaner folgen am Tag und griffen bei Sicht an – so waren sie schweren deutschen Angriffen ausgesetzt, aber sie konnten einzelne Ziele angreifen. Fabriken, Bahnhöfe und Gleichanlagen. Der Lancaster wurde vorwiegend in der Nacht eingesetzt. Im Schutz der Nacht war es für die deutsche Abwehr nicht leicht, die Bomber auszumachen, und zu Beginn der Offensive war die deutsche Nachtjagd nicht entwickelt. Doch in Nacht und Dunkelheit konnten auch die Bomber nichts sehen – sie griffen keine Fabriken an, sie zerstörten ganze Städte und versuchten, die dicht bebauten Arbeiterviertel in Brand zu setzen. Das Ziel war es, vor allem Zivilisten zu töten, um so den deutschen Kriegswillen zu brechen.

Während des Krieges waren die Männer des Bomber Command Helden. Sie waren lange Zeit die Einzigen, die die Schrecken des Krieges auch nach Deutschland trugen. Und ihre Verluste waren enorm. 55.573 von ihnen fielen. Statisch überlebte jeder Lancaster mit seiner Besatzung 21 Einsätze, bevor er abgeschossen wurde. Die Deutschen legten große Flak-Riegel um ihre Städte an, und die Maschinen, die nachts auf Jagd auf die Bomber gingen, wurden immer tödlicher.

Dem Gegner blieb nicht verborgen, dass der Bomber nicht nach unten feuern konnte. Also griffen sie von dort aus an. Ein Teil ihrer Bordwaffen schoss nicht nach vorn, sondern schräg nach oben. Der Jäger musste den Bomber bloß unten passieren. Nur der Heckschütze hatte den deutschen Jäger kurz im Visier. Hatte ein Jäger einen Bomber erst entdeckt, gab es kein ein Entkommen. Die B-17-Bomber hatten auch schwere Verluste. 46.500 Besatzungsmitglieder wurden im Einsatz getötet oder verwundet. Doch die verwundbaren Lancaster hätte am Tag keine Chance gehabt.

Eine zwiespältige Erinnerung

Die Wahrnehmung der Bomben-Offensive ändert sich gegen Ende des Krieges. Es stellte sich heraus, dass die Angriffe ungeheure Opfer gekostet, aber eben nicht zu einer Revolte geführt hatten. Und es wurde offenkundig, dass die gezielten Bombenangriffe der US-Airforce der deutschen Kriegswirtschaft mehr zugesetzt hatten als die britischen Flächenbombardements. Dazu kam, dass Chef der Bomberflotten, Sir Arthur Harris, von diesen Problemen nichts wissen wollte, und trotzig darauf beharrte, dass seine brutale Form der Kriegsführung zum Sieg geführt habe. Selbst Churchill distanzierte sich von "Bomber"-Harris.

Nach dem Krieg standen "The Few" der Schlacht um England im Licht der Bewunderung. Von den Bombern wurden nur spektakuläre Einzelaktionen, wie die Angriffe auf das Schlachtschiff "Tirpitz" oder die Talsperren erinnert. Der blutige Bomberkrieg wurde mit Schweigen übergangen. Die Angehörigen und die Überlebenden des Bomber Command litten darunter.

Schon während des Krieges konnte der Lancaster-Bomber die Anforderungen nicht einlösen. 7377 Maschinen wurden gebaut, doch nach 1945 und mit dem beginnenden Zeitalter der Düsentriebwerke wurden die restlichen Bomber schnell verschrottet. Heute gibt es noch 17 Exemplare, und nur zwei davon sind noch flugfähig.

Bald könnten es drei sein. 2009 wurde damit begonnen, "Just Jane" wieder flugfähig zu bekommen. Nach einem komplizierten Ringtausch von Ersatzteilen für die Flügel hoffen die Panton-Familie und ihre Unterstützer nun, "Just Jane" doch noch in die Luft zu bekommen, solange der Bruder des Toten von 1944 Harold Patton noch lebt.

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