Krystian Bala vor Gericht

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Der Schriftsteller

Einen Roman über das perfekte Verbrechen zu schreiben, ist nicht leicht. Noch schwieriger ist es, das perfekte Verbrechen zu begehen. | Dieser Fall erscheint exklusiv auf stern Crime PLUS

    Von David Grann

Im Südwesten von Polen macht die Oder eine scharfe Biegung und bildet einen kleinen Nebenarm. Hoch aufragende Kiefern und Eichen säumen das von Wildgras zugewucherte Flussufer. Außer Anglern zieht es kaum jemanden in diese ländliche Gegend fernab jeder Stadt. Der Flussarm wimmelt vor Barschen und Hechten. An einem kalten Tag im Dezember 2000 hatten drei Freunde hier ihre Angel ausgeworfen. Plötzlich entdeckte einer von ihnen etwas am Ufer treiben. Zuerst hielt er es für einen Baumstamm aber als er näher heranging, glaubte er einen Haarschopf zu erkennen. Er rief zu einem seiner Freunde hinüber und stieß das Objekt mit seiner Angel an. Es war eine Leiche.

Die Angler verständigten die Polizei. Vorsichtig bargen die Beamten die Leiche aus dem Wasser. Um den Hals lag eine Schlinge. Die Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden. Ein Teil des scheinbar mit einem Messer durchtrennten Stricks hatte die Hände mit dem Hals verbunden. Das Opfer war dadurch in eine qualvolle Körperstellung gezwungen worden. Bei der geringsten Bewegung hätte sich der Strick enger zugezogen. Es bestand kein Zweifel, dass der Mann ermordet wurde. Der Tote war nur mit einem Sweatshirt und Unterwäsche bekleidet. Sein Körper wies Foltermerkmale auf. Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass sich im Darmtrakt des Opfers so gut wie keine Essensreste befanden. Das bedeutete, dass man den Mann vor seinem Tod über mehrere Tage hungern ließ. Die Polizei nahm an, dass er erwürgt und dann in das Wasser geworfen worden war. Doch die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass seine Lungen mit Wasser gefüllt waren, was auf Tod durch Ertrinken hindeutete. Demzufolge war er wahrscheinlich noch am Leben war, als man ihn in den Fluss warf.

Das Opfer – groß, langes, dunkles Haar und blauen Augen – passte auf die Beschreibung eines 35jährigen Geschäftsmannes namens Dariusz Janiszewski. Er kam aus dem sechzig Meilen entfernten Breslau. Knapp vier Wochen zuvor hatte seine Frau ihn als vermisst gemeldet. Er war zuletzt am 13. November gesehen worden, als er seine kleine Werbeagentur im Stadtzentrum verließ. Da Janiszewskis Frau zu erschüttert war, bat die Polizei Janiszewskis Mutter, die Leiche zu identifizieren. Sie erkannte ihren Sohn sofort an seinem wallenden Haar und dem Muttermal auf dem Oberkörper.

Die Polizei leitete umfassende Ermittlungen ein. Taucher suchten in dem eiskalten Fluss nach Beweisstücken. Kriminaltechniker durchkämmten den nahegelegenen Wald. Mehrere Dutzend Personen aus dem Umfeld des Toten wurden befragt, seine Geschäftsbücher geprüft. Die Nachforschungen der Polizei ergaben keine nennenswerten Erkenntnisse. Janiszewski und seine Frau waren acht Jahren verheiratet gewesen. Sie hatten in ihrer Ehe eine ziemlich schwierige Phase durchlebt. Seitdem hatten sie sich jedoch ausgesöhnt und hatten beschlossen ein Kind zu adoptieren. Janiszewski hatte keine erkennbaren Schulden oder Feinde. Er war nicht vorbestraft. Zeugen beschrieben ihn als einen netten Mann. Er war

  • Dieser Artikel erschien zuerst im New Yorker (Februar 2008). Übersetzt aus dem Amerikanischen von Nina Klöckner